Die Wahrheit über das Heizen mit Holz: Ist es wirklich klimaschädlich?
Warum verbrennt frisches Holz laut UBA klimaschädlicher als Jahrmillionen altes Erdgas?
Diese Frage klingt zunächst absurd. Erdgas und Heizöl sind vor Jahrmillionen entstanden. Ihr Kohlenstoff war für immer im Boden gebunden – bis wir ihn verbrennen und für alle Zeit zusätzlich in die Atmosphäre bringen. Holz dagegen wächst nach. Es nimmt beim Wachsen wieder CO2 auf und schließt so, zumindest theoretisch, den Kreislauf.
Und trotzdem hat das Umweltbundesamt (UBA) seinen CO2-Rechner in den letzten Jahren so verändert, dass Holzheizungen darin teils schlechter abschneiden als Öl- und Gasheizungen. Wie passt das zusammen? Ich bin selbst seit Jahren Holzheizer und verkaufe inzwischen sogar Öfen. Genau deshalb lohnt sich ein ehrlicher, unaufgeregter Blick auf die Wahrheit über das Heizen mit Holz. So viel vorweg: Die Antwort fällt deutlich weniger eindeutig aus, als die aktuellen Rechner-Werte suggerieren.
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Was sich beim UBA-Rechner geändert hat
Lange Zeit hat der CO2-Rechner des Umweltbundesamts die Verbrennung von Holz mit näherungsweise null direkten Emissionen bewertet – die Annahme: Was verbrannt wird, würde ohnehin verrotten und sein CO2 so oder so freisetzen.
Im März 2024 hat das UBA diese Annahme korrigiert – und zwar direkter, als es auf den ersten Blick wirkt. Seitdem fließen zwei Dinge in die Rechnung ein: die indirekten Emissionen aus der Vorkette (Ernte, Transport, Verarbeitung) und die direkten Verbrennungsemissionen aus dem Kohlenstoffgehalt des Holzes. Das Ergebnis: Je nach Berechnung stuft der Rechner Holzheizungen seitdem streckenweise sogar als klimaschädlicher ein als Öl- oder Gasheizungen. Warum das UBA diesen Schritt gegangen ist, dazu gleich mehr.
Zur Einordnung, wie stark sich das unterscheidet: Ältere Berechnungen vor 2024 kamen für Holzbrennstoffe auf Werte von rund 15 bis 24 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde. Das lag deutlich unter Erdgas (rund 241 g/kWh) und Heizöl (rund 313 g/kWh). Nach der neuen Methodik kehrt sich dieses Bild teilweise um. Zwei Berechnungen desselben Amts, zwei fast entgegengesetzte Ergebnisse – ein guter Hinweis darauf: Hier misst niemand eine feste physikalische Größe, sondern trifft eine methodische Entscheidung.

Die Logik dahinter: die „Kohlenstoffschuld”
Das zentrale Argument des UBA ist ein Zeitargument, keine reine Mengenrechnung. Fachleute nennen das „Kohlenstoffschuld” (carbon debt): Wird ein Baum gefällt und verbrannt, wird sein gespeichertes CO2 sofort freigesetzt. Bis ein nachgepflanzter Baum dieselbe Menge CO2 wieder bindet, vergehen Jahrzehnte. In dieser Zeit trägt das zusätzliche CO2 zur Erderwärmung bei. Und genau diese nächsten Jahrzehnte entscheiden über die Klimaziele.
Ob sich das über sehr lange Zeiträume tatsächlich ausgleicht, ist nicht die Frage. Die Frage ist: Zählt der kurzfristige Effekt in den nächsten 20 bis 30 Jahren? Das UBA sagt: ja, das zählt.
Die Kritik: zählt der einzelne Baum oder der ganze Wald?
Diese neue Bewertung ist alles andere als unumstritten – und zwar erstaunlich grundsätzlich. Die Kritik kommt nicht nur aus der Ofenbranche, sondern auch aus der Forstwissenschaft. Zur Einordnung: Sowohl Ofenhersteller als auch Waldbesitzer verdienen an einer holzfreundlichen Einschätzung mit, das gehört fairerweise dazu. Den wissenschaftlichen Kern der Kritik – etwa Prof. Irslingers Einwand zur Bilanzgrenze – kann man davon aber unabhängig prüfen.
Baum oder Waldbestand: zwei unterschiedliche Blickwinkel
Der Forstökologe Prof. Roland Irslinger hat das UBA in einem offenen Brief scharf kritisiert. Die Initiative #ofenzukunft wirft dem Amt vor, sich auf fragwürdige Annahmen zu stützen. Der zentrale Einwand: Das UBA rechnet auf Ebene des einzelnen Baumes – gefällt heute, nachgewachsen erst in 80 Jahren.
Wer stattdessen den gesamten bewirtschafteten Waldbestand betrachtet, wie es in der Forstwirtschaft üblich ist, kommt zu einem ganz anderen Bild. Wird kontinuierlich so viel Holz entnommen, wie nachwächst, bleibt der Wald als Ganzes im Gleichgewicht. Eine zeitliche Lücke auf Bestandsebene gibt es dann nicht, selbst wenn ein einzelner Baum Jahrzehnte braucht. Die UBA-Rechnung folgt also einer Modellannahme, die kaum widerspiegelt, wie Wälder in der Praxis bewirtschaftet werden.
Widerspruch zu EU-Richtlinie und österreichischem Pendant
Hinzu kommt ein handfester rechtlicher Widerspruch: Die EU-Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) stuft Holz eindeutig als erneuerbare Energie ein. Für nachhaltige Holzenergie sieht sie gar keinen CO2-Emissionsfaktor vor. Damit steht die deutsche UBA-Bewertung ziemlich allein da.
Der Vergleich mit dem österreichischen Umweltbundesamt zeigt das deutlich: Dessen Rechner weist für eine Tonne Holz nur rund 90 Kilogramm CO2-Äquivalent inklusive Vorkette aus – ein Bruchteil der aktuellen deutschen Werte. Zwei Behörden, gleiches Grundproblem, fast entgegengesetzte Antworten. Das spricht dafür: Hier misst niemand eine feste physikalische Größe. Hier trifft jemand eine methodische, im Zweifel auch politisch beeinflusste Entscheidung.
Selbst das UBA relativiert seine eigenen Zahlen übrigens. Man wolle mit den höheren Werten nicht sagen, dass Öl- und Gasheizungen die bessere Alternative seien. Ein Ausstieg aus fossilen Energieträgern bleibe für die Klimaziele unabdingbar. Das zeigt: Auch dem UBA selbst ist offenbar bewusst, dass die eigenen Zahlen leicht missverstanden werden können.

CO2 durch Verbrennen oder Verrotten – warum die Herkunft des Holzes den Unterschied macht
Bei aller Kontroverse lohnt sich ein Blick auf einen Punkt, der in der Debatte oft untergeht: Nicht alles Brennholz stammt aus gezielt gefällten, sonst noch Jahrzehnte weiterwachsenden Bäumen.
Mein Fall: Heizen mit Totholz und Sturmholz
Ich heize selbst fast ausschließlich mit Totholz und Sturmholz. Genauso wie viele Landwirte, die Brennholz aus dem eigenen Bestand nutzen, statt es zuzukaufen. Das ist ein relevanter Unterschied, den auch das UBA in seiner eigenen Methodik einräumt: Für Holz aus Garten- und Landschaftspflege kann weiterhin ein Verbrennungswert von null angesetzt werden. Der Grund: Dieses Holz wächst ohnehin nicht mehr.
Was mit Totholz passiert, wenn niemand es verheizt
Der Grund liegt auf der Hand, wenn man sich ansieht, was mit Totholz passiert, das einfach liegen bleibt: Es verrottet. Dabei setzt es sein gespeichertes CO2 ohnehin frei – unabhängig davon, ob es vorher noch geheizt hat oder nicht. Wie viel das weltweit ausmacht, zeigt eine große internationale Studie von Forschern der TU München und der Universität Würzburg: Aus Totholz werden jährlich rund 10,9 Gigatonnen Kohlenstoff freigesetzt. Das sind etwa 15 Prozent mehr, als weltweit durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe entsteht. Totholz ist also selbst eine gewaltige CO2-Quelle, ganz ohne Ofen.
Die „Kohlenstoffschuld”-Logik des UBA trifft auf dieses Holz schlicht nicht zu: Ein gezielt gefällter, sonst weiter wachsender Baum setzt sein CO2 vorzeitig frei – Totholz dagegen scheidet so oder so aus dem Kohlenstoffkreislauf des Waldes aus. Die einzige offene Frage: Wärmt es vorher noch einen Raum, oder zersetzt es sich einfach am Waldboden? Wärmt es einen Raum, der sonst mit Gas oder Öl beheizt würde, spart das zusätzlich fossiles CO2.
Das ist kein Freibrief für „Holzheizen ist immer klimaneutral”. Es zeigt aber: Die Herkunft des Holzes bestimmt die tatsächliche Klimabilanz stärker als die Verbrennung selbst.

Fazit: keine einfache Antwort, aber eine ehrliche
Ist Heizen mit Holz nun gut oder schlecht fürs Klima? Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, welche Bilanzgrenze und welchen Zeithorizont man ansetzt. Das ist eine methodische, teils politische Entscheidung, keine feste Naturkonstante. Die Zahlen des UBA-Rechners haben sich innerhalb von zwei Jahren mehrfach grundlegend verändert. Sie stehen zudem im Widerspruch zur EU-Einstufung von Holz als erneuerbare Energie und zur Bewertung des österreichischen Umweltbundesamts. Das ist kein Zufall. Es zeigt: Die aktuellen deutschen Werte sind eher eine strenge Setzung als ein gesichertes Faktum.
Was dagegen kaum bestritten wird: Woher das Holz kommt, macht den entscheidenden Unterschied. Wer mit Totholz, Sturmholz oder Holz aus der eigenen, nachhaltig bewirtschafteten Fläche heizt, verbrennt Holz, das sein CO2 ohnehin freigesetzt hätte – nur eben ohne dabei zu wärmen. Bei den meisten Holzheizern, die ich kenne, ist genau das der Normalfall, nicht die Ausnahme. Und unabhängig von der CO2-Debatte gilt: Je höher der Wirkungsgrad eines Ofens, desto weniger Holz brauchen Sie für dieselbe Wärme. Diesen Hebel haben Sie tatsächlich selbst in der Hand.
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Eine Frage bleibt hier noch offen, die einen eigenen Artikel wert ist: Wird für das Brennholz, das in deutschen Öfen landet, überhaupt gezielt Wald gefällt – oder ist es meist ohnehin anfallendes Nebenprodukt? Dazu mehr im nächsten Artikel: „Woher kommt deutsches Brennholz wirklich?”
Kurz beantwortet: Die wichtigsten Fragen zu Holz und CO2
Ist Heizen mit Holz klimaneutral? Nein, nicht vollständig – auch wenn das oft behauptet wird. Bei Verbrennung wird CO2 freigesetzt, das erst über Jahrzehnte durch nachwachsende Bäume wieder gebunden wird. Bilanziell annähernd ausgeglichen ist Heizen mit Holz nur, wenn es aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt und regional bezogen wird.
Ist Heizen mit Holz umweltschädlich? Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Entscheidend sind Herkunft des Holzes, Feuchtigkeit, Ofentechnik und Wirkungsgrad. Ein moderner, effizienter Ofen mit trockenem, regional bezogenem Holz schneidet deutlich besser ab als ein alter Kaminofen mit feuchtem Importholz.
Warum bewertet der UBA-CO2-Rechner Holz strenger als früher? Seit März 2024 rechnet der UBA-CO2-Rechner sowohl direkte Verbrennungsemissionen als auch indirekte Vorketten-Emissionen für Holz ein – vorher galten näherungsweise null Emissionen. Diese Methodik ist in der Fachwelt umstritten, unter anderem, weil sie von der EU-Einstufung von Holz als erneuerbare Energie abweicht.
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